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Alpenüberquerung: diesmal anders!

von Hilmar Lorenz, veröffentlicht in BallonsportMagazin 4/2007

 

Wer kennt sie nicht die schönen Bilder der aufgereihten Gipfel des Alpenhauptkammes. Ein Traum bei günstiger Witterung im Januar oder Februar von Norden auf die Südseite der Alpen, z.B. nach Italien oder Kroatien zu fahren. In jedem Falle sind es traumhafte Fahrten. Allein der Reiz dieses Hochgebirge in seiner schroffen Struktur „ohne doppelten Boden" oder Druckkabine zu erleben lockt Piloten und Passagiere in einen Ballonkorb.

Die Alpen sind ein West – Ost gerichtetes Gebirge. Nord - Süd haben sie lediglich eine Ausdehnung von 80 bis 100 km. Von Frankreich bis Slowenien hingegen 600 bis 700 km. Um diese West-Ost Herausforderung einer Überquerung im Ballon anzugehen sind die meteorologischen Fenster eng. Eine zugegebenermaßen häufige West - Ost Strömung „fließt" entlang des Hauptkammes. Die Windgeschwindigkeiten sind hier am größten. Man wird entlang der Kammlinie geführt, sofern der Start in der Nähe der höchsten Erhebungen erfolgt. Jedoch: die Landemöglichkeiten sind sehr eingeschränkt, bis man im Bereich der Julianischen Alpen wieder in flacheres Gelände kommt. Die Fahrt muß weit gehen. Somit sind die Anforderungen an Material und Technik sehr hoch. Es gilt: Erfahrung und Vertrauen in Technik sowie die nötigen Ressourcen sind entscheidend.

Klaus-Peter Sengspeck hat über Jahre die Wetterbedingungen verfolgt und auf den günstigen Zeitpunkt gewartet. Die alljährliche „Alpine Challenge" von Gstaad ist dafür die geeignete Veranstaltung. Professionell organisiert und geleitet von Christoph Tatray und Team bietet sie im Steigenberger Hotel in Gstaad auch das nötige Ambiente, um geduldig auf den günstigsten Zeitpunkt zu warten. Der Winter 2006/2007, der die Hotelbranche der Alpen sicher nicht verwöhnt hat, soll ballonfahrerisch den Durchbruch bringen. Die Vorhersagen für den 5. Februar sind viel versprechend: Zwischenhoch über den Alpen, West – Ost Strömung und 35 bis 40 kt Windgeschwindigkeit in 4000 bis 5000m.

Alles bestens, bis auf den Fakt, dass selbst 40 kt lediglich das Minimum darstellen um im Tagesverlauf von Gstaad aus flacheres Gelände in Österreich oder Slowenien zu erreichen. Dennoch, die Chance soll genutzt werden und damit beginnt das Abenteuer.

 

Bild: Start in Gstaad und Abschied von unseren tapferen Rückholern

Am Sonntag, einen Tag nach der Anreise in Gstaad und bei noch widrigen Witterungsbedingungen - also ohne die Möglichkeit einer kurzen lokalen Fahrt – werden Korb und Instrumente vorbereitet und ein Flugplan nach Ljubljana, Slowenien aufgegeben. Dabei ist es weniger die Frage des Mutes, sondern eher inwieweit die Prioritäten für unsere Familien in Richtung Erholung oder anstrengende Verfolgungsfahrt gesetzt werden sollen. Unser Verständnis ist, falls der Wettergott die Vorhersagen stützen sollte, so werden sich unsere Frauen und die beiden „Schulferien genießenden" Jungs gemeinsam auf die sicherlich weite Verfolgung machen. Auf ein Ausweichprogramm oder Kinderbetreuung wird bewusst verzichtet. Doch dazu später.

Der Flugplan über drei Ländergrenzen wird angenommen und nach Rücksprache mit der Genfer Flugsicherung für alle Fälle auch auf Deutschland erweitert (unser Glaube an die vorhergesagten Windrichtungen und Wetterentwicklung hält sich noch in Grenzen). Doch all dies ändert sich mit dem Morgengrauen. Die ersten Blicke auf die umliegenden Berggipfel bieten eine wunderschöne hochalpine Stimmung, Windstille im Tal und klare, kalte Luft. Im Gegensatz zu den Vortagen ist es gefroren und die „Startwiese" befahrbar. Schade, dass wir diese Erfahrung nicht schon einen Tag eher verinnerlichen konnten. Es hätte uns sicher eine Stunde früher an den Start und die zielgerichtete Anspannung bereits im Hotel gebracht. So kommt die Erwartung einer besonderen Fahrt erst am Startplatz, was uns jedoch hilft, nun umso zügiger in der Luft zu sein.

Unterwegs mit all den notwendigen Instrumenten einschließlich Powerpack, Gas sowie Sauerstoff für eine ausreichende Autonomie vom Start gegen 8 Uhr bis zur voraussichtlichen Landung bei Sonnenuntergang um 16.30 Uhr und einer gewichtigen Fotoausrüstung führte uns der langsame Steigflug zunächst über unser schönes Hotel, Zweisimmen nach Thun.

Bei 6000 ft, als Funkkontakt zu Genf hergestellt werden kann, wird der Flugplan eröffnet. Die freundliche Stimme der Dame bei „Geneva Delta" klingt zwar kurz nachdenklich als sie sich

„Destination: Ljubljana" bestätigen läßt, genehmigt uns aber sehr wohlwollend den Steigflug auf FL 130. So behütet und verfolgt kann ich meine Augen von der Karte und den diversen

Flugbeschränkungsgebieten lösen und die ersten Bilder vom Mont Blanc Gebiet, den Westalpen

Bild: Vierwaldstätter See mir Blick auf Luzern und Pilatus (links oben)

und dem Voralpengebiet aufnehmen. Klaus-Peter folgt feinfühlig, in der Brennerbedienung einem Schweizer Uhrwerk gleich, unseren Höhenvorgaben, die wir mit der freundlichen Funkstimme aus Genf vereinbaren.

 

Bild: Klaus-Peter in voller Aufmerksamkeit beim Fahren

Ich habe allerdings das Gefühl, dass mein Vorhaben, möglichst schnell über die diversen Flugbeschränkungsgebiete in den kontrollierten Luftraum zu gelangen, bei Klaus-Peter nicht sosehr auf Gegenliebe trifft. Er würde wohl lieber länger in der nordöstlichen Strömung bleiben um damit eine nördlichere Flugbahn - am Hauptkamm vorbei - einzunehmen. Im Gegensatz zu mir ahnt er, was uns noch erwarten soll…

 

Bild: Die Sägezahnstruktur der „Churfirsten", Walensee und Walenstadt

Mit der Annäherung an die Züricher Kontrollzone wechselt nur der Akzent unserer netten Controlerinnen. Die freundliche französische Tonfolge wird von einem für deutsche Gehörgewohnheiten leichtverständlichen Englisch abgelöst. Doch die bevorzugte Begleitung bleibt uns erhalten. Wir kreuzen die frequentierte Nord-Süd Flugstrasse „Alpha 9" und erhalten die Genehmigung für die von uns gewünschte FL 140. Der Vierwaldstätter See liegt nun schon hinter uns. Obwohl sich zunehmend eine leichte Zirrus Bewölkung aufbaut bleiben die Sichten traumhaft. Das Matterhorn ist die leichte, eindeutige Orientierung.

 

Bild: Über Engelberg, mit Titlis im Vordergrund. Rechts im Hintergrund das 60 km entfernte Matterhorn

 

Weiter nach Süden macht das Jungfrau Massiv mit der Eigernordwand die Zuordnung zwischen Karte und den markanten Punkten in den tausenden Gipfeln einfach. Dabei schlägt das Herz eines früher Kletterbegeisterten deutlich höher.

Bild: Blick nach Süden mit Gotthard - Autobahn und Altdorf

Die Gotthard Autobahn als eine der Hauptverkehrsadern in Nord/Süd Richtung durch die Alpen kommt näher und damit auch die Erinnerung an den vergleichsweise „Zwergen" Blick auf das Bergpanorama aus dem Cockpit einer einmotorigen Maschine während eines Alpenfluges vor zwei Jahren.

Wir wechseln uns ab beim Fahren, die Sauerstoffmasken spüren wir schon nicht mehr und der Speicherplatz für neue Aufnahmen nimmt in der Digitalkamera erschreckend schnell ab. Eindeutiges Signal die Emotionen zu zügeln und an die Kommunikation mit unserem Rückholern zu denken.

Für uns das Positive: die Geschwindigkeit ist deutlich größer als vorhergesagt. Wir bleiben in dem nun zugestandenen Höhenbereich zwischen FL 140 und FL 150 stabil über 50 kt. Damit ist jetzt nach etwas über zwei Stunden schon klar: Es geht sehr, sehr weit. Trotz Satellitentelefon ist die Verbindung und Verständigung mit den Rückholern nur eingeschränkt möglich und schwierig. Auf unsere Frauen und die Kinder kommt Schwerstarbeit zu. Unser Kurs stimmt recht gut mit den vorhergesagten Richtungen überein, nur sind wir schneller. Das bedeutet, Teamarbeit im Auto ist gefragt. Fahren, Navigieren, Kommunikationsbereitschaft und Kurzweile für die beiden 8 und 10 jährigen Jungs organisieren gilt es zu verbinden. Wer sich die Strapazen bei einer längeren Fahrt in den Urlaub mit Kindern vergegenwärtigt, der kann sicher nachvollziehen welche Anspannungen bei einer Fahrt ins Ungewisse auftreten. Klar ist bisher nur die Richtung: Schweiz, Bodensee, Grenzübergang nach Deutschland, Richtung München - Salzburg. Bis dahin schon eine ordentliche Fernfahrer-Leistung. Das endgültige Ziel wird jedoch erst bei Sonnenuntergang feststehen.

Als diese Überlegungen und Abstimmungen bei unseren Rückholern getätigt werden und noch die Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Schweizer Autobahnen beachtet werden müssen, ist für uns am östlichen Horizont das erste Mal die Zugspitze auszumachen.

Bild: Blick nach Nordosten, die Zugspitze grüßt.

Im Norden erkennen wir deutlich den Bodensee. Die Allgäuer Berge liegen in der Sonne und Obersdorf spart offensichtlich dieses Jahr die Schneeräumungskosten. Nur die Großschanzen sind als weiße Punkte in der Landschaft auszumachen. Wir haben mit dem breiten Rheingraben die letzten guten Landemöglichkeiten hinter uns gelassen und befinden uns über Vorarlberg. Die Controlerstimme hat wieder gewechselt. Geblieben ist auch bei dem Herrn in Innsbruck das Problem im Verständnis unserer „Destination: Ljubljana". Die Nord / Süd Drift von Heißluftballonen ist ihm geläufig aber nach Osten? Offensichtlich ist dadurch die mit zweifelndem Unterton gestellte Frage ausgelöst: please confirm typ of Aircraft. Und dies trotz des vorliegenden Flugplanes… Nachdem wir als Heißluftballon identifiziert werden, was er selbst später mit einem Blick aus dem Kontrollturm in Innsbruck zweifelsfrei bestätigen kann, da wir den Platz in Sichtweite überfahren, haben wir wieder eine sehr gute Betreuung.

Unter uns sind nun die bekannten Skigebiete in Tirol. Die Pisten erscheinen prächtig präpariert. Die Skifahrer bevölkern Ameisen gleich die hochgelegen Abfahrtsstrecken. Wir fahren unmittelbar am Großglockner vorbei.

 

 

Bild: Blick Richtung Westen über dem Alpenhauptkamm. Wo waren die letzten Landmöglichhkeiten?

 

Ringsum nur Berge, Gletscher und Schnee. Für uns wird das Navigieren zunehmend schwieriger. Dabei geschieht es, dass wir beide beim Kartenabgleich und nach schon 6 Stunden Fahrt kurz unaufmerksam werden. Resultat: 2.5 m/s Sinken und unmittelbar darauf die Frage des Controler: what is your intention? Vermeidet man solche Situationen, hält Höhe und hat zuverlässig funktionierende Navigations- und Kommunikationstechnik wird man von den Fluglotsen sehr bevorzugt geleitet. An dieser Stelle deshalb ein großes Dankeschön für die freundliche Unterstützung aus dem „Äther".

Wir nähern uns nach 7 Stunden Fahrt den östlichen Alpen. Am Horizont sind in den Schneefeldern schon die ersten dunklen Streifen auszumachen. Slowenien kommt tatsächlich näher. Wir haben zwischenzeitlich wieder Erfolg in einer kurzen Verbindung mit unserem Rückholerfahrzeug. Keine Möglichkeit Stimmungen oder Ratschläge auszutauschen. Position, Geschwindigkeit und nächstes Ziel Klagenfurt. Dann bricht die Verbindung wieder zusammen. Also, Verantwortung bei unseren Frauen. Sie haben zu diesem Zeitpunkt Salzburg noch nicht erreicht. Damit keine Raststätte und maximale Geschwindigkeit….

Der Controler fragt nun immer häufiger nach unseren Ressourcen und unserem Ziel. Ljubljana wird sicher nicht erreicht werden können aber Maribo liegt in unserer Drift. Wir haben noch genügend Gas, doch der Sonnenuntergang rückt näher. Dann die einzig betrübliche Mitteilung aus dem Funk während der gesamten Fahrt: „you are not cleared for the next sector!" Also Landegebiet suchen. Abstieg und auf „Rauchzeichen" zur Windrichtungs- sowie Geschwindingkeitsabschätzung am Boden achten. Obwohl wir eben noch mit knapp 90 km/h unterwegs waren, ist in Bodennähe faktisch Windstille. Wir treffen in einem hügeligen Gelände auf ein größeres Waldgebiet und schleichen zu einer Wiese auf einer Bergkuppe. In der Nähe ein Bauernhof. Nun ist es nur noch die obligatorische Telefonfreileitung, die uns zu voller Konzentration zwingt. Das letzte Hindernis ist überwunden, der Parachutezug erfolgt und der Korb kommt auf der leicht abschüssigen Wiese zum Stehen. Da wir unmittelbar neben der Strasse gelandet sind, finden sich die ersten Besucher schnell ein und bewundern den riesig anzuschauenden, silberfarbenen

Bild: Landung in Kärnten. Eine Frage bewegt: wie kann man in so einem Korb fast 9 Stunden mit dem Ballon mehr als 600 km quer über die Alpen fahren?

Ballon. Doch über die in der Abendsonne blitzenden Augen legt sich sofort ein Schleier der Ungläubigkeit als wir die Frage nach dem Startort wahrheitsgemäß beantworten. Wie kann man in diesem Gefährt an einem Tage mehr als 600 km über den Alpengipfeln zurücklegen?

Wie auch immer, zum Plausch soll noch viel Zeit sein. Wir haben fleißige Helfer und die Hülle ist schnell verstaut, Korb und Instrumente gesichert. Nun gilt es erst einmal Mobiltelefone zu aktivieren und Kontakt mit unseren Rückholern aufzunehmen und ihnen ihr heutiges Ziel zu nennen.

Unsere Position ist schnell durchgegeben und das Navigationssystem im Auto errechnet noch 2.5 Stunden Fahrzeit. Was tun? Montags sind alle Wirtshäuser in der Umgebung geschlossen. Spontan erklingt die Einladung: kommt mit zu uns auf einen heißen Tee. Die Bewirtung ist herzlich und blieibt bei weitem nicht beim Tee allein. Ich habe selten so köstliches „Selbstgeschlachtetes" gegessen. Aufgewärmt, frisch gestärkt und bei der Schilderung unserer Fahrt vergeht die Zeit wie im Flug. Es ist schon fast 22 Uhr als der Hausherr unsere Rückholer die letzten Kilometer per Telefon lotst. Nach dem fröhlichen Abschiedsphoto folgt rasch das Verladen und nun der Aufbruch zur Rückfahrt.

Bild: Abschied nach freundlicher Bewirtung

Wann werden wir wohl in Gstaad ankommen? Das GPS sagt 7.30. Sehr gut; also geradewohl zum Frühstück und danach ein verdientes Vormittagsschläfchen. Doch, es soll anders kommen....

Schon der Weg zur Autobahn zieht sich. Dann die unzähligen Geschwindigkeitsbeschränkungen durch die vielen Tunnel. In Salzburg haben wir bereits eine Stunde gegenüber unsrem ursprünglichen Zeitplan verloren. Nun beginnt es zu allem Überfluss noch zu regnen und die Wettervorhersage spricht von aufkommendem Schneefall. Wir wechseln uns häufig ab beim Fahren. Unsere Frauen haben ja schon Heroisches auf der ersten Fahrstrecke geleistet. Die Kinder schlafen, so dass sie zumindest etwas Ruhe finden. Mit zunehmender Fahrtdauer werden auch unsere Gespräche seltener. Der stärker werdende Regen verhindert jedoch Schlaf. Aller Aufmerksamkeit ist gefragt.

Zum Glück bleibt der vorhergesagte Schnee auch auf der Strecke München - Lindau aus. Das herbeigesehnte erste Morgengrau erreicht uns mit dem Grenzübertritt in die Schweiz. Jetzt wollten wir eigentlich am Frühstückstisch sitzen. Doch wie beim Ballonfahren häufig, kommt es anders als geplant. Also, nochmals trocknes Brötchen, Wurst und Wasser als Verpflegung. So vergehen weitere Stunden und das so innig herbeigesehnte Frühstück wird im Hotel bestimmt schon abgeräumt. Da nun „nur" noch die eine Stunde kurvenreiche Strecke von Thun über Zweisimmen nach Gstaad vor uns liegt, übernimmt Peter die Initiative und ordert telefonisch ein individuelles Frühstück für uns. Mit der Bestätigung und unserem Hotel vor Augen weicht die Anspannung. Es war nun nach der Landung der erste Moment das Ausmaß unseres Abenteuers zu begreifen:

eine Lektion Alpenkunde freistehend über den Gipfeln vom Blick auf den Mt. Blanc bis zu den Slowenischen Alpen – welch ein Erlebnis!

 

 

 

Bild: Google Karte des Alpengebietes mit projizierter „Fahrtstrecke". Start im Schweizer Gstaad und Landung in Herzogberg, Kärnten

 
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